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18/03/2010 / bauinformant

Akteure der Gentrification und ihre Ortsbindung

Eine empirische Untersuchung in einem ostdeutschen Sanierungsgebiet

Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Dr. phil.,
Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

von Dirk Thomas, M.A.

Verteidigung der Dissertation am: 21.01.2009

Zusammenfassung
Die vorliegende Dissertation entstand im Rahmen eines prozessbegleitenden Monitorings für das Sanierungs- und URBAN 21-Gebiet Magdeburg-Buckau. Dieses Untersuchungsgebiet wurde 1991 als förmliches Sanierungsgebiet festgelegt und 2001 in die Landesinitiative
URBAN 21 des Landes Sachsen-Anhalt aufgenommen. Seitdem wurden in diesem Stadtviertel umfangreiche Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen realisiert.

Fachwissenschaftlich siedelt sich die vorliegende Arbeit im Schnittfeld von Stadtsoziologie und Umweltpsychologie an. Dabei wurde auf die aus der Umweltpsychologie bekannten Konstrukte Ortsbindung und Wohnzufriedenheit zurückgegriffen, indem zum einen die Zusammenhänge zwischen subjektiver Wohnqualität und Ortsbindung empirisch in einem ostdeutschen Sanierungsgebiet untersucht wurde. Zum anderen wurden die umweltpsychologischen Konzepte theoriegeleitet mit dem aus der Stadtsoziologie bekannten Konzept der Gentrification verknüpft und in ihren Zusammenhängen über jährliche Bewohnerbefragungen empirisch geprüft.

Die erstmalige Integration umweltpsychologischer und stadtsoziologischer Konzepte im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Bearbeitung städtischer Sanierungsbemühungen liegt nahe, weil das Konzept Gentrification, dass die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel umschreibt, seit einigen Jahren ein viel beachtetes, jedoch auch kontrovers diskutiertes Konzept innerhalb der Stadtsoziologie darstellt.

Basierend auf Querschnittsdaten aus der schriftlichen Bewohnerbefragung im Jahre 2005 wurden erstens die theoretisch postulierten Zusammenhänge zwischen subjektiver
Wohnqualität und Ortsbindung unter Einbeziehung von soziodemografischen Merkmalen mittels eines Strukturgleichungsmodell mit Ortsbindung als Kriterium geprüft. Zweitens wurden Stabilität und Veränderung der Konstrukte mit den im Längsschnitt erhobenen Daten aus den Jahren 2004 bis 2007 analysiert. Drittens wurden die Zusammenhänge zwischen Wohnqualität und Ortsbindung auf der Ebene der Akteure der Gentrification wiederum mit den Querschnittsdaten untersucht. Darüber hinaus wurde viertens der Zusammenhang zwischen Umzugsabsicht und Ortsbindung sowie Umzugsabsichten und vorheriges Umzugsverhalten der Akteure der Gentrification eingehender betrachtet. Fünftens
wurde schließlich geprüft, ob Gentrification im Untersuchungsgebiet klein- oder großräumig auftritt.

Für die Klassifikation der Akteure der Gentrification wurde unter Rückgriff auf Bourdieu (1983) eine über die bisherigen Klassifikationen hinausgehende Differenzierung vorgenommen, bei der nicht nur Pioniere und Gentrifier, sondern alle Bevölkerungsgruppen unter Verwendung des Merkmals der sozialen Schwäche der Bewohner, ihres ökonomischen und kulturellen Kapitals sowie der Kapitalstärke klassifiziert wurden. Die wahrgenommene Wohnqualität wiederum wurde als mehrdimensionales Konstrukt über eine adaptierte deutsche Fassung der „Residential Satisfaction Scale“ (Bonaiuto, Aiello,
Perugini, Bonnes & Ercolani, 1999) und die Ortsbindung mit einer modifizierten deutschen Fassung der „Neighbourhood Attachment Scale“ (Bonaiuto et al., 1999) erfasst.

Auf der Grundlage der Querschnittsdaten erwiesen sich in den empirischen Befunden neben der sozialen Kohäsion die Wohndauer und die physisch-räumlichen Aspekte der Wohnumwelt, die architektonische Gebäudeästhetik und die wahrgenommene Qualität der Park- und Grünanlagen, als bedeutsame Prädiktoren für die Ortsbindung der befragten
Quartierbewohner. In den Längsschnittanalysen zeigte sich, dass sich Gebäudeästhetik und Qualität vorhandener Grün- und Parkanlagen, die beide Faktoren subjektiver Wohnqualität
darstellen, im Verlauf der durch die Sanierung bedingten physisch-räumlichen Aufwertung des Quartiers am deutlichsten verändert haben. Darüber hinaus belegen die Regressionsanalysen zur Prädiktion von Ortsbindung, dass den physisch-räumlichen Aspekten der Wohnumwelt für die Vorhersage der Ortsbindung – in Abhängigkeit vom jeweiligen Bewohnertyp – eine unterschiedliche Bedeutung zukommt. So erweisen sich die für den Prozess der Gentrification relevanten Präferenzen in Form der architektonischen Ästhetik der
Gebäude und der Qualität der vorhandenen Park- und Grünanlagen bei Gentrifiern und Pionieren als signifikante Prädiktoren für Ortsbindung, während die soziale Kohäsion bei
allen Bewohnertypen ein signifikanter Prädiktor ist.

Die Befunde belegen darüber hinaus eine disproportionale Verteilung der Bevölkerungsgruppen im Untersuchungsgebiet, was darauf hindeutet, dass sich die Gentrification im Stadtteil kleinräumig vollzieht. Insgesamt stellen die erbrachten empirischen Befunde nicht nur für die umweltpsychologische
Forschung zur Ortsbindung, sondern auch für die stadtsoziologische Forschung zur Gentrification Ergebnisse dar, die in bedeutsamer Weise über den bestehenden Erkenntnisstand hinausgehen. Gleichzeitig lassen sich auf der Grundlage der Zusammenfassung empirischen Befunde fruchtbare Strategien für die praktische Realisierung einer integrierten Quartiersentwicklung und einer baulichen Stadtteilsanierung ableiten. […]

Dissertation als pdf-Dokument (232 Seiten, externer Link)

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